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  • Thomas Schönemann

Nachsorge bei Hodenkrebs

Bluttest statt CT-Untersuchung

Der Leiter des Zentrums für Humangenetik und Mentor des Projektes „miRdetect“ Prof. Dr. Jörn Bullerdiek mit Kerstin Lucht-Hübner, Dr. Nina Winter und Inga Flor (von links). © Foto: Sabine Nollmann
Der Leiter des Zentrums für Humangenetik und Mentor des Projektes „miRdetect“ Prof. Dr. Jörn Bullerdiek mit Kerstin Lucht-Hübner, Dr. Nina Winter und Inga Flor (von links). © Foto: Sabine Nollmann

Über Jahre müssen Patienten zahlreiche Computertomographieuntersuchungen über sich ergehen lassen. Das soll sich bald ändern. Statt der physisch und psychisch belastenden sowie teuren Prozeduren soll schon in zwei Jahren ein einfacher Bluttest Aufschlüsse über den Erfolg der Krebsbehandlung bringen.

Diagnose „Hodenkrebs“: Es trifft zumeist Männer zwischen 20 und 40 Jahren. In Deutschland sind es jährlich rund 4.500. Rechtzeitig entdeckt, ist diese Erkrankung zu 96 Prozent heilbar, sagen die Statistiken. Die Operation ist undramatisch. Deutlich problematischer ist bis heute noch die Nachsorge.

Das EXIST-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) mit den Förderlinien „Gründerstipendium“ und „Forschungstransfer“ wird vom Europäischen Sozialfonds kofinanziert. Den Forschungstransferprojekten kommt dabei ein besonderer Exzellenzcharakter zu. Sie werden seltener vergeben und die Anforderungen sind sehr hoch. Mithilfe der Bremer Patent- und Vermarktungsagentur InnoWi sowie der Bremer Hochschulinitiative BRIDGE haben die Wissenschaftlerinnen Inga Flor, Dr. Nina Winter und Kerstin Lucht-Hübner vom Zentrum für Humangenetik (ZHG) der Universität Bremen den EXIST-Förderantrag für ihr Projekt „miRdetect“ gestellt. Grundlage des Antrages sind mehrere Patente, die über die InnoWi international angemeldet wurden. Die Forscherinnen erhalten nun über zwei Jahre 600.000 Euro, um den Bluttest zu entwickeln und eine Unternehmensgründung vorzubereiten. Ihr Mentor ist ZHG-Leiter Professor Jörn Bullerdiek. Sowohl die Fördersumme als auch die Laufzeit sind ungewöhnlich hoch.

„Besonders überzeugt hat die Expertenjury, dass der neue Tumormarker eine einfache Detektion aus Blutproben möglich macht und die hohe Anzahl an Computertomographieuntersuchungen für Patienten und die damit verbundene hohe Strahlungsbelastung vermindert werden kann“, sagt Dietrich Hoffmann vom Forschungszentrum Jülich. Als Projektträger fungiert es als Schnittstelle zwischen dem BMWi und den Wissenschaftlerinnen.

Nach mehrjährigen Forschungen gelingt Identifizierung des Tumormarkers „miR-371a-3p“

Tumormarker sind Substanzen im Körper, über die sich Tumore nachweisen lassen. Nach mehrjährigen Forschungen konnten Wissenschaftler des ZHG unter Leitung des Humangenetikers Dr. Gazanfer Belge und in Zusammenarbeit mit Urologen und Pathologen des Hamburger Albertinen-Krankenhauses einen solchen Marker für Hodenkrebs identifizieren. „miR-371a-3p“ heißt er, und er findet sich im Blut von Männern, die einen Hodenkrebstumor haben. Nun fehlt es noch an einem sicheren, einfachen Bluttest, mit dem sich bei der Nachsorge dieser Marker nachweisen lässt. Genau einen solchen Test entwickelt das ZHG-Team derzeit und bereitet parallel dazu die Gründung eines Unternehmens vor, über das dieser Test künftig zu erhalten sein soll.

„Den Schritt in die praktische Verwertung unserer Forschungsarbeit vollziehen“

Mit konkreten Details zu ihren Arbeiten halten sich die Wissenschaftlerinnen derzeit noch zurück. „Wegen des laufenden Patentverfahrens“, sagt Lucht-Hübner, die den organisatorischen Part im Gründerinnentrio innehat. Sie folgt damit den Empfehlungen der Innovationsmanager von der InnoWi. Sie unterstützten die Wissenschaftlerinnen seit Langem, erstellen unter anderem Marktrecherchen, kümmern sich um Patentanmeldungen und beraten die Gründerinnen. „Nach vielen Jahren Forschung wollen wir nun den Schritt in die praktische Verwertung der Forschungsarbeiten vollziehen“, sagt Lucht-Hübner. „Dabei ist die Existenzgründung eine zusätzliche Herausforderung. In kurzer Zeit müssen wir neben der Entwicklung des Produktes und dem Erledigen aufwendiger Formalitäten auch noch viel im Bereich Wirtschaft dazulernen und das Unternehmen aufbauen. Hier setzen wir auf das Bremer Existenzgründerprogamm BRUT mit seinen Coachings und Beratungen. Es ist spezialisiert auf Gründungen besonders aus dem Hochschulbereich heraus. Da stehen uns also etliche erfahrene Spezialisten zur Seite.“ Dr. Jens Hoheisel, Geschäftsführer der InnoWi, sieht beste Chancen für das neue Produkt und ist beeindruckt vom Unternehmergeist der Forscherinnen. “Das Projekt ‘miRdetect‘ ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie aus einer wissenschaftlichen Idee eine Unternehmensgründung werden kann – also ein volkswirtschaftlicher Nutzen entsteht.“

„Ein ‚einfacher Bluttest‘ – das wäre ein Traum!“

„Fast zu schön um wahr zu sein“, kommentieren Experten aus der Fachszene das Bremer Uniprojekt – auch ohne schon alle sensiblen Daten zu kennen. „Die Strahlenbelastung für die Patienten kann heute bereits durch den zunehmenden Einsatz von Kernspintomografie-Untersuchungen (Magnetresonanztomographie, MRT) erheblich reduziert werden. Nichts desto trotz würde die Tumornachsorge deutlich erleichtert, wenn wir einen ‚einfachen Bluttest‘ an der Hand hätten. Den Patienten die ganze aufwendige und belastende Diagnostik ersparen zu können, wäre ein Traum. Das ist absolut zu begrüßen“, sagt Professor Jesco Pfitzenmaier, Leiter der Klinik für Urologie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB). Er warte gespannt auf die Ergebnisse aus Bremen und wünsche den Forscherinnen von Herzen viel Erfolg.

 

Eberhard Scholz, Pressestelle, Universität Bremen
Dr. rer. nat. Nina Winter, miRdetect, Zentrum für Humangenetik, Universität Bremen, Tel.: 0421 218-61 574, Mobil: 0176 24 37 56 45, eMail: n.winter@uni-bremen.de
18.07.2013
22.06.2017, 11:21 | tsc
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