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Schmerzmedizin

Ärzte sollten mehr auf ihre Erfahrung setzen

Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio fordert ein neues Verständnis der ärztlichen Leistung. © Foto: DGS/Leissl
Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio fordert ein neues Verständnis der ärztlichen Leistung. © Foto: DGS/Leissl

Zu einem Symposium der besonderen Art hatte die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) zum Abschluss des Deutschen Schmerz- und Palliativtages eingeladen, der in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main stattfand. Unter dem Titel „Götzenanbetung in der Medizin“ zeigten die Redner die Grenzen der drei wesentlichen Koordinaten in der heutigen Medizin auf: der Ökonomie, der Wissenschaft und der Evidenz.

Das Fazit des Exzellenz-Symposiums: In der heutigen Medizin läuft einiges falsch. Ärzte sollten viel mehr auf ihre Erfahrung und die ärztliche Kunst setzen.

Prof. Dr. Dr. Christian Dierks, Jurist und Mediziner, beschrieb das Dilemma des Arztes im Spannungsfeld zwischen Ökonomie, Patientenanspruch und Berufsethos: Das Sozialgesetzbuch SGB V schreibe vor, dass Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung, die der Arzt veranlasst, ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein müssen und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten dürfen. Die Begriffe „ausreichend“, „zweckmäßig“ und „nicht mehr als notwendig“ seien laut Dierks durch die Ergebnisse medizinischer Forschung sowie durch Leitlinien definiert. Der Begriff der Wirtschaftlichkeit biete allerdings Interpretationsspielraum, da aktuell nicht festgelegt sei, wie teuer ein bestimmter therapeutischer Mehrwert sein darf. Hier sei der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) gefordert, eine Definition zu liefern. Aktuell sei der Arzt aber sicher vor Regressen, solange er dokumentiere, warum er eine bestimmte Therapieentscheidung getroffen habe.

Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio fordert ein neues Verständnis der ärztlichen Leistung. Er ermutigte die Ärzte beim Deutschen Schmerz- und Palliativtag nicht nur den Regeln der Wissenschaft sondern vielmehr der Einsicht zu folgen, was die konkrete Situation eines Patienten erfordere. Dieser hermeneutische Zugang zum kranken Menschen sei in der Antike besser gelungen als heute. Auch heute sollte der Arzt sich wieder mehr auf seine ärztliche Kunst besinnen, die die Fähigkeit voraussetze, mit der Komplexität einer Erkrankung und der individuellen Situation seines Patienten gleichzeitig kreativ und professionell umzugehen. Damit bestätigte Maio indirekt das bio-psycho-soziale Modell, das in der Schmerzmedizin die physischen, psychischen und sozialen Umstände eines Patienten in der Therapieentscheidung berücksichtigt. Sein Schlussappell an die Ärzte: Seid weniger defensiv und verteidigt selbstbewusst eure Profession.

PD Dr. Michael Überall, Vizepräsident der DGS und Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V. (DSL), stellte sogar die Verlässlichkeit randomisierter, kontrollierter klinischer Studien (RCT’s) auf den Prüfstand. Verschiedene statistische Auswertungen, wie etwa die sogenannte LOCF-Methode (last observation carried forward, d.h. der letzte von einem Patienten vorliegende Wert wird für die Endauswertung verwendet ; durch diese Schätzung wird damit der Datensatz vervollständigt) führten dazu, dass Studienergebnisse verzerrt werden könnten und zwar umso stärker, je mehr Patienten frühzeitig aus einer Studie ausscheiden. Er rief seine Kollegen daher dazu auf, gerade bei Vergleichsstudien die publizierten Studiendaten kritisch zu hinterfragen.

Nicole Zeuner, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V., Adenauerallee 18, 61440 Oberursel, Hessen, Nicole Zeuner, Tel.: 0221 / 9499980, eMail: nicole.zeuner@selinka-schmitz-pr.de
07.03.2016
22.06.2017, 11:21 | tsc
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