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  • Thomas Schönemann

Innovationsreport 2014

Trotz mehr Transparenz ist das AMNOG noch nicht in der Arztpraxis angekommen

In der Arztpraxis. © Foto: Techniker Krankenkasse
In der Arztpraxis. © Foto: Techniker Krankenkasse

Trotz früher (Zusatz-)Nutzenbewertung, die der Gesetzgeber mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) eingeführt hat, zeigt sich, dass zum Zeitpunkt der Markteinführung oftmals noch keine ausreichenden Erkenntnisse darüber vorliegen, welchen therapeutischen Fortschritt neue Arzneimittel im realen Versorgungsalltag darstellen.

Zu diesem Ergebnis kommt der Innovationsreport 2014, den Wissenschaftler der Universität Bremen mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse (TK) erstellt haben. Von den 20 Wirkstoffen, die im Report untersucht wurden, haben Hersteller im Nachhinein für acht Wirkstoffe Warnhinweisschreiben verschickt - unter anderem sogenannte Rote-Hand-Briefe. Dr. Jens Baas, Vorsitzender des TK-Vorstands, erklärt dazu: "Eine einmalige Bewertung neuer Arzneimittel reicht im Grunde nicht aus. Was wir brauchen, sind weitere Spätbewertungen mit Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag - in der Medizin würde man sagen: Nachuntersuchungen -, um den tatsächlichen Nutzen neuer Medikamente besser einschätzen zu können."

Auswertungen der TK zeigen zudem, dass die Ergebnisse der AMNOG-Bewertungen heute nicht eins zu eins in der Versorgung ankommen. So wird beispielsweise der erste bewertete AMNOG-Wirkstoff Ticagrelor noch immer bei jedem dritten Patienten falsch eingesetzt. Dies bedeutet: Das Medikament wird verordnet, obwohl für die zu behandelnde Krankheit kein Zusatznutzen nachgewiesen werden konnte. "Das haben schon die Auswertungen für das Jahr 2011 gezeigt, und auch im Folgejahr hat sich an der Verordnungspraxis nichts geändert", so Baas weiter.

Für den Innovationsreport 2014 haben Studienleiter Professor Dr. Gerd Glaeske und sein Team Wirkstoffe untersucht, die 2011 - also im ersten Jahr nach Inkrafttreten des AMNOG - auf den deutschen Markt gelangten. Davon sind lediglich drei Wirkstoffe in der Gesamtschau als therapeutischer Fortschritt einzustufen. Betrachtet wurden dabei drei Dimensionen: Erstens, ob es bereits verfügbare Therapien zur Behandlung der jeweiligen Krankheit gibt. Zweitens, ob der Wirkstoff tatsächlich einen relevanten Zusatznutzen vorweisen kann. Und drittens, ob die Kosten höher oder niedriger im Vergleich zu vorhandenen Therapien ausfallen. Glaeske sagt dazu: "Die Ergebnisse zu den Auswertungen für das Jahr 2011 fallen insgesamt betrachtet eher bescheiden aus. Da tröstet es kaum, dass der Jahrgang 2010 noch schlechter abgeschnitten hat." Er weist auch auf die Konzentration der Indikationsgebiete für die neuen Arzneimittel hin. "Auffällig ist", so Glaeske, "dass ein Drittel der neuen Arzneimittel auf die Onkologie und Multiple Sklerose entfallen, auf Krankheiten also, bei denen wegen der Behandlungsnotwendigkeit auch besonders hohe Kosten akzeptiert werden."

Neben der Bewertung neuer Wirkstoffe befasst sich der diesjährige Innovationsreport in einem Sonderkapitel mit dem Thema "Stratifizierende Medizin". Denn es werden vermehrt Arzneimittel zugelassen, die erst nach Prüfung auf einen Biomarker eingesetzt werden dürfen. "Das Thema weckt bei vielen Menschen große Hoffnungen - natürlich insbesondere bei Schwerkranken", meint Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Vor allem in der Krebsmedizin kommen vermehrt Arzneimittel auf den Markt, deren
Einsatz mit einem spezifischen Biomarkertest verknüpft ist. "Wichtig ist aber, dass ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Biomarkertestgestützter Patientenselektion und dem Behandlungserfolg der neuen Arzneimitteltherapie immer durch ein geeignetes Studiendesign nachgewiesen wird. Nur so kann gezeigt werden, dass eine Selektion anhand eines Tests für Patienten von Vorteil ist", so Ludwig, der die TK beim Thema "Stratifizierende Medizin" berät.

"Unser Ziel ist es, solche Angebote zu schaffen, die die Ärzte bei ihrer veranlassten Arzneimitteltherapie bestmöglich unterstützen und den Patienten nutzen", macht TK-Chef Baas deutlich. "Der Innovationsreport 2014 ist nicht für das Bücherregal gedacht. Er soll Transparenz schaffen und Orientierung bieten - und er soll in der Praxis zum Einsatz kommen."

Innovationsreport 2014 (Kurzfassung) (PDF, 3,2 MB, nicht barrierefrei)

Hintergrund
Neben dem Innovationsreport stellt die TK niedergelassenen Medizinern weitere Informationsangebote zur Verfügung. Dazu gehört in erster Linie der sogenannte TK-Arzneimittelreport (TK-AMR). Auf Wunsch erhalten niedergelassene Ärzte für jedes Quartal einen individuellen Verordnungsreport. Dieser zeigt den Ärzten unter anderem an, ob sie neue Arzneimittel tatsächlich bei solchen Erkrankungen verordnet haben, bei denen das Präparat einen echten Zusatznutzen aufweist. Zudem erhalten die Abonnenten des Arzneimittelreports praxisrelevante Zusammenfassungen der Ergebnisse zur frühen Nutzenbewertung - die sogenannten AMNOG-News. Darüber hinaus etabliert die TK derzeit zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe ein Projekt, um die Zusatznutzen-orientierte Verordnung von neuen Arzneimitteln zu fördern.

Pressemitteilung TK Techniker Krankenkasse
Michael Schmitz, TK, Tel.: 040 / 6909 - 1191, eMail: m.schmitz@tk.de
02.04.2014
22.06.2017, 11:21 | tsc
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