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  • Thomas Schönemann

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Jeder zweite Krebspatient hat eine Nierenfunktionseinschränkung

Unter der Therapie mit modernen Krebsmedikamenten kann es zu renalen Nebenwirkungen kommen. © Foto: Andrea Damm / pixelio.de
Unter der Therapie mit modernen Krebsmedikamenten kann es zu renalen Nebenwirkungen kommen. © Foto: Andrea Damm / pixelio.de

Dank der modernen Therapieoptionen wird Krebs zunehmend zu einer chronischen Erkrankung. Diese erfreuliche Entwicklung führt aber auch dazu, dass möglichen Langzeitfolgen der Therapie ein höherer Stellenwert beigemessen werden muss. Häufig kommt es durch die Krebstherapie zu Schädigungen der Nieren, selbst die modernen zielgerichteten Therapien haben renale Nebenwirkungen. Vor ihrem Einsatz sollten daher eine renale Basisdiagnostik sowie unter der Therapie ein engmaschiges Monitoring der Nierenwerte erfolgen. Onkologie und Nephrologie müssen hier Hand in Hand arbeiten.

Inzwischen gehören in der Onkologie die zielgerichteten Therapien (Antikörper oder sogenannte „small molecules“) zum Standardtherapie bei bestimmten Krebsarten. Die verwendeten Substanzen unterscheiden sich deutlich im Wirkmechanismus und Nebenwirkungsprofil von den konventionellen Chemotherapeutika. Sie greifen gezielt die Krebszellen an und gelten daher als (relativ) nebenwirkungsarm.

Doch unter der Therapie mit modernen Krebsmedikamenten kann es zu renalen Nebenwirkungen kommen. Bei Tumorerkrankungen liegt meist eine pathologische Überaktivierung spezieller molekularer Signalwege der Zellteilung oder auch der Apoptoseinhibition vor. “Targeted Therapies” verwenden Substanzen, die Wachstum bzw. Ausbreitung von Tumorzellen zielgerichtet hemmen, indem sie direkt in die molekularen Signalwege eingreifen. Diese Signalwege sind jedoch auch in vielen gesunden Körperzellen, u.a. auch in Nierenzellen, vorhanden, weshalb unerwünschte renale Nebenwirkungen nicht selten sind [1, 2, 3]. Hinzu kommt, dass diese Therapien in der Regel bei fortgeschrittenen oder metastasierten Malignomen zum Einsatz kommen. Die meisten Patienten haben dann schon nephrotoxische Therapien (Chemotherapien und andere), auch zahlreiche bildgebende Untersuchungen mit ebenfalls potenziell nephrotoxischen Kontrastmitteln hinter sich gebracht – und die Nieren sind u.U. vorgeschädigt.

Bei Patienten mit soliden Tumoren (z.B. Mamma-, Kolorektal-, Prostata-, Ovarial- oder Hautkarzinome) beträgt die Prävalenz einer verminderten glomerulären Filtrationsrate (GFR<90 ml/min/1,73 m2) ca. 50% ― jeder zweite Krebspatient hat eine Nierenfunktionseinschränkung [1]!

Diese hohe Prävalenz ist allerdings nicht zu 100% der Krebstherapie zuzuschreiben, einige Patienten weisen auch einen Nierenfunktionsverlust aufgrund der direkten renale Beteiligung am Malignomgeschehen auf, andere Patienten hatten bereits vor ihrer Krebserkrankung eine chronische Nierenerkrankung (CKD). Auch mag hineinspielen, dass CKD-Patienten – nicht nur Dialyse- und transplantierte Patienten – ein erhöhtes Malignomrisiko (besonders von Lunge und Harnwegen) haben [4, 5].

Der Nephrologe muss daher in die Krebstherapie eingebunden werden! Denn auch wenn das renale Sicherheitsprofil der meisten zielgerichteten Therapien besser ist als dasjenige vieler Zytostatika, ist die Mehrheit dieser neuen Substanzen mit einer renalen Toxizität assoziiert. Daher ist grundsätzlich, insbesondere aber auch bei Kombination mit/bzw. nach einer Chemotherapie eine renale Basisdiagnostik sowie im Verlauf ein renales Monitoring wichtig, damit renale Nebenwirkungen rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt werden. Dazu gehören Nierenfunktion (Kreatinin, eGFR, Urin), die Serumelektrolyte, der Säure-Basen-Haushalt, der Blutdruck und ggf. bildgebende Diagnostik.

Gerade ältere Patienten (≥65 Jahre) können – bei noch normalem Serumkreatinin! – bereits eine physiologisch eingeschränkte Nierenfunktion haben, was für renale Nebenwirkungen prädisponiert. Dies gilt genauso bei vorbestehender chronischer Nierenerkrankung (CKD) oder Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, Hypertonie, Herzinsuffizienz). Der Einsatz weiterer notwendiger Substanzen, die per se ein renales Risiko haben (wie NSAR, manche Antibiotika, Röntgenkontrastmittel) erfordert ebenfalls ein besonderes nephrologisches Management.

Literatur

  1. Launay-Vacher V, Aapro M, De Castro G Jr et al. Renal effects of molecular targeted therapies in oncology: a review by the Cancer and the Kidney International Network (C-KIN). Ann Oncol 2015 Aug; 26 (8): 1677-84
  2. Abbas A, Mirza MM, Ganti AK et al. Renal Toxicities of Targeted Therapies. Target Oncol. 2015 Apr 30. [Epub ahead of print]
  3. Aapro M, Launay-Vacher V. Importance of monitoring renal function in patients with cancer. Cancer Treat Rev 2012; 38 (3): 235-40
  4. Launay-Vacher V, Oudard S, Janus N, et al. Renal Insufficiency and Cancer Medications (IRMA) Study Group. Prevalence of Renal Insufficiency in cancer patients and implications for anticancer drug management: the renal insufficiency and anticancer medications (IRMA) study. Cancer 2007; 110: 1376-84
  5. Launay-Vacher V. Epidemiology of Chronic Kidney Disease in Cancer Patients: Lessons
    From the IRMA Study Group. Semin Nephrol 2010; 30: 548-56

Weitere Informationen:
http://www.dgfn.eu

Dr. Bettina Albers, Pressearbeit, Deutsche Gesellschaft für Nephrologie e.V. (DGfN)
Dr. Bettina Albers, Pressearbeit DGfN, Tel.: 03643 / 776423, eMail: albers@albersconcept.de
14.09.2015
22.06.2017, 11:21 | tsc
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