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  • Thomas Schönemann

Speiseröhrenkrebs

Komplett roboter-unterstützte minimal-invasive Speiseröhrenkrebs-OP am UKSH

Professor Thomas Becker (2. v.li.) verabschiedet sich von seinem Patienten gemeinsam mit Dr. Heiko Aselmann (li.) und Professor Jan-Hendrik Egberts (re.). © Foto: UKSH
Professor Thomas Becker (2. v.li.) verabschiedet sich von seinem Patienten gemeinsam mit Dr. Heiko Aselmann (li.) und Professor Jan-Hendrik Egberts (re.). © Foto: UKSH

Weltweit erkranken jedes Jahr 1,4 Millionen Menschen an Speiseröhrenkrebs und immer häufiger sind auch jüngere Menschen betroffen. In Deutschland erhalten jährlich etwa 3.700 Männer und 1.000 Frauen eine Neudiagnose. Nur durch eine operative Entfernung der Speiseröhre ist eine Heilung möglich. Komplexe Krebsoperationen im Bauch- und Thoraxbereich sind jetzt noch präziser und schonender umsetzbar dank roboter-unterstützter Chirurgie.

Bundesweit erstmalig ist am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, eine Speiseröhrenkrebs-Operation ausschließlich mit roboter-unterstützter, minimal-invasiver Technik durchgeführt worden. Der Eingriff in der Klinik für Allgemeine-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie unter der Leitung von Klinikdirektor Professor Dr. Thomas Becker verlief erfolgreich, so dass der 47-jährige Patient schon am neunten Tag nach der Operation die Klinik verlassen konnte.

Aufgrund ihrer Lage und ihres Verlaufs im Bauchraum und Brustkorb ist die Entfernung der Speiseröhre eine sehr aufwändige und schwierige Operation. Für den sogenannten Zweihöhleneingriff mussten in der Vergangenheit sowohl der Bauchraum als auch der Brustkorb geöffnet werden. Durch die Entwicklung der minimal-invasiven Chirurgie („Schlüssellochchiurgie“) konnte in den letzten Jahren am UKSH zumindest der Teil der Operation am Bauchraum ohne größere Schnitte durchgeführt werden. Bei der Schlüssellochchirurgie werden die OP-Instrumente über kleine Öffnungen in den Körper des Patienten eingebracht. Die Öffnung des Brustkorbs war jedoch aufgrund der technischen Beschränkungen der konventionellen minimal-invasiven Chirurgie weiterhin notwendig.

Professor Becker gelang es nun mit seinem Operationsteam, bestehend aus Professor Jan-Hendrik Egberts und Dr. Heiko Aselmann, sowohl den Bauchteil der Operation mit Schlauchmagenbildung und Lymphknotenentfernung als auch den schwierigen Teil der Operation im Brustkorb komplett in minimal-invasiver Technik mithilfe des robotergestützten „Da Vinci“-Operationssystems durchzuführen. „Es war lediglich ein circa vier cm großer Schnitt zwischen den Rippen notwendig“, erklärt Professor Becker. „Dank dieses schonenden Operationsverfahrens konnte unser Patient nach einem Tag von der Intensivstation verlegt werden. Er hat sich rasch von der Operation erholt, so dass wir ihn bereits am neunten Tag nach der OP nach Hause entlassen haben. Er wird weiter ambulant nachbetreut.“

Das „Da Vinci“-Chirurgiesystem gilt als die modernste Entwicklung auf dem Gebiet der minimal-invasiven Chirurgie. Die robotergestützte „Operation der kleinen Schnitte“ ist schonend für den Patienten und ermöglicht eine schnellere Genesung gegenüber offenen Operationen. Seit Januar 2013 ist das roboterunterstützte OP-Verfahren am Campus Kiel in Betrieb. Es wurde mit Forschungsgeldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Gemeinschaftsprojekt der Chirurgie, der Urologie (Direktor Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann) und der Gynäkologie (Direktor Prof. Dr. Walter Jonat) angeschafft. Aus jeder Klinik mussten zunächst hochspezialisierte Operateure und OP-Pflegekräfte ein besonderes Ausbildungsprogramm durchlaufen, um das System anschließend am Patienten anwenden zu dürfen.

Die roboter-assistierte Chirurgie bietet durch eine dreidimensionale Darstellung und bis zu 15-fache Vergrößerung die Möglichkeit der präziseren anatomischen Strukturdarstellung. Über die uneingeschränkten Freiheitsgrade können die Instrumente flexibel eingesetzt werden, ähnlich der menschlichen Hand. Dabei werden die Bewegungen der Hand des Chirurgen in feinste und völlig zitterfreie Bewegungen der OP-Instrumente (z.B. Pinzette, Skalpell, Schere etc.) umgesetzt. Dadurch werden Gewebeschädigungen minimiert, feinste Nerven und Blutgefäße können geschont werden.

Professor Becker zieht eine überaus positive erste Bilanz zum Einsatz des „Da Vinci“-Chirurgiesystems: „Seit September konnten wir das roboter-assistierte System bereits in 23 Fällen mit sehr guten Ergebnissen bei Darmkrebsoperationen einsetzen. Mittlerweile haben wir das Spektrum weiter ausgedehnt und bei sehr komplexen Krebsoperationen wie der Speiseröhrenkrebs-Operation angewandt. Wir stehen hier am noch am Anfang einer revolutionären Entwicklung in der Chirurgie. Kiel hat dabei aufgrund einer bestens funktionierenden fachübergreifenden Zusammenarbeit eine Vorreiterrolle in Deutschland übernommen.“ Für die zukünftige Chirurgie bei Krebs, aber auch anderen komplexen Operationen, sei es das Ziel, die Eingriffe noch schonender und präziser durchzuführen, um den operativen Schaden weiter zu vermindern und die Ergebnisse zu verbessern. „Die roboter-assistierten, minimal-invasiven Operationstechniken bieten uns in diesem Zusammenhang deutliche Vorteile gegenüber der konventionellen laparoskopischen Chirurgie ohne Roboter“, ist sich Prof. Becker sicher.

Die Chirurgen des UKSH am Campus Kiel verfügen unter der Leitung von Professor Becker über große Erfahrung und Expertise auf dem Gebiet der konventionellen minimal-invasiven Bauch- und Thoraxchirurgie per Laparoskop. Es ist wissenschaftlich belegt, dass zum Beispiel bei Darmkrebs mit minimal- invasiven Operationsmethoden im Vergleich zu den offenen Operationen mit großem Bauchschnitt gleichwertige Langzeitergebnisse erzielt werden. Beim Einsatz minimal-invasiver Methoden haben die Patienten jedoch weniger Schmerzen nach der OP, es werden bessere kosmetische Ergebnisse erzielt und Wundinfektionen treten seltener auf. So wurde am Campus Kiel in den vergangenen drei Jahren die überwiegende Anzahl der Speiseröhren-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen-, Leber- und Darmoperationen minimal-invasiv durchgeführt. Von circa 400 Darmoperationen erfolgten in dieser Zeit mehr als zwei Drittel der Eingriffe minimal-invasiv, selbst größte Krebsoperationen an der Speiseröhre fanden zu 70 Prozent laparoskopisch assistiert statt.

Doch gibt es in der Laparoskopie technische Einschränkungen. Ein wesentlicher Nachteil der konventionell minimal-invasiven Operationen sind die langen Instrumente mit stellenweise größeren Hebelwirkungen und fehlenden Freiheitsgraden in der Bewegung und die nicht optimale Sicht, z.B. im unteren Becken des Menschen. Um diese Operationen durchzuführen ist daher eine große Erfahrung der Operateure notwendig.

Oliver Grieve, Pressesprecher des UKSH, Stabsstelle Integrierte Kommunikation, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Prof. Dr. Thomas Becker, UKSH, Campus Kiel, Tel.: 0431 / 597-4301, eMail: Thomas.Becker@uksh-kiel.de
17.12.2013
22.06.2017, 11:21 | tsc
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