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  • Thomas Schönemann

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Krankenhauskeime kennen keine Grenzen

Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und das vorsorgliche Screening sind die effektivsten Wege, ... © Foto: Foto: Techniker Krankenkasse
Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und das vorsorgliche Screening sind die effektivsten Wege, ... © Foto: Foto: Techniker Krankenkasse

Am Rande der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft am 21. und 22. Mai in Rostock/Warnemünde werden Vertreter der Techniker Krankenkasse MV, der Universitätsmedizin Greifswald und des polnischen EMC Medical Institute die erste grenzübergreifende Kooperation für ein gemeinsames MRE-Management unterzeichnen.

„Die Krankenhauskeime kennen keine Grenzen und längst verlaufen die Patientenströme quer durch Europa. Deshalb müssen die europäischen Länder auch im Kampf gegen die gefährlichen Krankenhauskeime intensiver zusammenarbeiten“, sagte der Ärztliche Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald, Dr. Thorsten Wygold.

Das EMC Medical Institute mit Sitz in Wrocław und mit seinem Hl. Georg Krankenhaus in Kamień Pomorski (Cammin), die Universitätsmedizin Greifswald und die Techniker Krankenkasse (TK) in Mecklenburg-Vorpommern wollen ein gemeinsames Netzwerk aufbauen, um die Infektionen mit multiresistenten Erregern (MRE) grenzüberschreitend zu reduzieren. Die EMC Medical Institute AG ist der größte private Betreiber von Kliniken und Anbieter von medizinischen Dienstleistungen in Polen. Die Gruppe besteht derzeit aus acht Krankenhäusern und 16 Medizinischen Versorgungszentren. Die Universitätsmedizin und die TK sind bereits seit mehreren Jahren im Projekt HICARE (Health, Innovative Care and Regional Economy), einem regionalen Aktionsbündnis gegen multiresistente Erreger in MV, engagiert. Als eines von mehreren internationalen Kooperationsvorhaben soll im Rahmen dieses Programmes nun erstmals eine grenzüberschreitende Vereinbarung im Klinikalltag umgesetzt werden.

... Krankenhausinfektionen zu vermeiden.
... Krankenhausinfektionen zu vermeiden. © Foto: Techniker Krankenkasse

„Infektionen mit MRE belasten auf der einen Seite die Patienten, bedrohen aber auch den Gesundheitsstandort Mecklenburg-Vorpommern und bergen konkret für die Leistungserbringer, insbesondere Krankenhäuser, ein finanzielles Risiko. Jede Infektion verursacht bei uns bis zu 20.000 Euro Mehrkosten pro Patient, das wird in Polen ähnlich sein“, erklärte Prof. Dr. Volker Möws, Leiter der TK-Landesvertretung in Mecklenburg-Vorpommern.

Qualitätsnetzwerk für Patienten und Mitarbeiter

Die Partner sind sich einig, dass die Bekämpfung multiresistenter Erreger nur erfolgreich sein kann, wenn parallel mehrere notwendige Maßnahmen in Prävention, Diagnostik und Therapie konsequent durchgeführt werden. Hierzu zählen neben risikoabhängigen Screenings auch der restriktive und verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika. Zudem sollten ambulante und stationäre Versorgungseinrichtungen besser vernetzt werden.

Strikte Vorschriften und ihre Einhaltung in der Hygiene wie Händedesinfektion, Kittelpflege, Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe sind unentbehrlich. Durch enge Kontakte zwischen Forschern, Industrie und Anwendern soll der schnelle Transfer der Erkenntnisse in die Regelversorgung sichergestellt werden.

„Bei dem Projekt geht es auch darum, die Öffentlichkeit für die Problematik stärker zu sensibilisieren und alle Akteure ins Boot zu holen. Krankenhäuser mit strengen Hygieneauflagen schaffen Sicherheit für die Patienten, müssen aber die Mehrkosten für das vorsorgliche Screening allein tragen. An der Universitätsmedizin Greifswald wird beispielsweise schon bei Vorliegen eines Risikofaktors für das Vorkommen von MRSA gescreent und nicht, wie vom Robert-Koch-Institut Berlin empfohlen, erst bei zwei Risikofaktoren“, so Wygold. Für das Risiko einer MRSA-Besiedlung kommen inzwischen zwölf Faktoren in Frage, beispielsweise die Arbeit in einer Schweinemastanlage, liegende Katheter, die Verlegung aus anderen Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Auch das Screening für multiresistente Bakterien mit der Hauptquelle im Darm ist in der UMG bereits angelaufen.

„Kernpunkt aller infektionspräventiven Bemühungen ist die Etablierung eines umfassenden, sich ständig an veränderte Gegebenheiten anpassenden Hygienestandards zur Gewährleistung der Patientensicherheit“, betonte der Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald, Prof. Axel Kramer. „Durch die Schaffung und Abstimmung eines grenzüberschreitenden Hygienemanagements werden neue Impulse zur Prävention von im Krankenhaus erworbenen Infektionen gesetzt.“

Nicht alle im Krankenhaus erworbenen Infektionen können prinzipiell verhindert werden, aber sie können bei entsprechenden Maßnahmen nachweislich signifikant gesenkt werden. „Der Vorteil einer konsequenten Beschäftigung mit dem Thema Hygiene im Krankenhaus hat nicht nur die Verminderung von langwierigen, schwierig zu behandelnden Infektionen zur Folge. Sie hat auch das Potenzial, die Entwicklung von Antibiotika-resistenten Erregern zu verlangsamen“, unterstrich TK-Landeschef Möws abschließend.

Parallel zur künftigen Zusammenarbeit mit Polen wird im HICARE-Kompetenznetzwerk an weiteren internationalen Kooperationen gearbeitet, unter anderem mit den Niederlanden (Region Groningen), die sehr erfolgreich bei der Bekämpfung multiresistenter Bakterien sind.

Hintergrund

Projektziele des grenzüberschreitenden MRE-Management (aus der Kooperationsvereinbarung)

  1. Schaffung von Versorgungsstrukturen in einer Modellregion Pommern (Region Ostvorpommern in MV/Deutschland sowie die Region Westpommern/Polen) für das grenzüberschreitende MRE-Management
  2. Etablierung eines Qualitätsnetzwerkes für das MRE-Management nach dem HICARE-Konzept 
  3. Ausgewählte Maßnahmen zur gemeinsamen Fort- und Weiterbildung und zum Personalaustausch zwischen den Einrichtungen in der Modellregion 
  4. Aktive Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit, um die Aufmerksamkeit auf die Prävention von Infektionskrankheiten im Gesundheitswesen zu erhöhen
  5. Kontrolle und Evaluation der Ausbreitung von MRE in der Modellregion
  6. Etablierung eines Frühwarnsystems auf der Basis eines modernen Typisierungsnetzwerkes in der Modellregion
  7. Qualitätsverbesserung der Patientenversorgung durch eine langfristige Senkung der MRE-Raten in der Modellregion

MRE, MRSA
Multiresistente Erreger (MRE) sind Bakterien, die durch ihre Antibiotika-Resistenzen die Therapie von Patienten erschweren. Daher stellen sie ein gravierendes Problem in Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie der Alten- und Langzeitpflege dar.

Der bekannteste Vertreter ist der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA). Aber auch weitere multiresistente Keime wie Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) sowie multiresistente gramnegative Stäbchenbakterien (3MRGN, 4MRGN) gewinnen zunehmend an Bedeutung.

MRSA ist einer der gefährlichsten Erreger nosokomialer - im Krankenhaus erworbener - Infektionen. Die Übertragung erfolgt vor allem über die Hände. MRSA ist ein Bakterium, das gegen eine zunehmende Anzahl von Antibiotika resistent wird. Die Europäische Union hat die sogenannten Krankenhausinfektionen als wichtigste Gefahr noch vor der pandemischen Virusgrippe und AIDS eingeordnet.

HICARE
Im Modellvorhaben Health, Innovative Care and Regional Economy (HICARE - http://www.hicare.de) – Aktionsbündnis gegen multiresistente Erreger - sollen in einem regional konzertierten Ansatz wirkungsvolle, standardisierte und transferierbare Interventionsstrategien entwickelt und erprobt werden, um der Ausbreitung multiresistenter Erreger wirkungsvoll zu begegnen. Mehr als 40 regionale, überregionale, akademische und Unternehmenspartner sind unter Federführung der Universitäten Greifswald und Rostock im HICARE-Verbund MV engagiert.

Internetlinks
http://www.emc-sa.pl/de/
http://kamien-pomorski.emc-sa.pl/de/szpital-sw-jerzego/o-jednostce
http://www.konferenz-gesundheitswirtschaft.de/

Ansprechpartner
Techniker Krankenkasse (TK)
Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern
Pressesprecherin: Heike Schmedemann
Wismarsche Straße 142, 19053 Schwerin
T +49 151-14 53 50 40
E heike.schmedemann@tk.de
http://www.tk.de

Universitätsmedizin Greifswald (UMG)
Ärztlicher Vorstand: Dr. Thorsten Wygold
Fleischmannstraße 8, 17475 Greifswald
T +49 3834 86-50 13
E aerztliches.direktorat@uni-greifswald.de
http://www.medizin.uni-greifswald.de
http://www.facebook.com/UnimedizinGreifswald

Constanze Steinke, Pressearbeit, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Jan Meßerschmidt, Pressesprecher, Tel.: 03834 7 8611 - 52, Fax: 03834 / 8611 - 51, eMail: jan.messerschmidt@uni-greifswald.de
16.05.2014
22.06.2017, 11:21 | tsc
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