• Praxis [+]
  • Thomas Schönemann

dkfz Heidelberg

Krebsvorsorge in Kenia: Neues Screening-Konzept erreicht Frauen zuhause

Dr. Miriam Reuschenbach, Klinische Kooperationseinheit Angewandte Tumorbiologie des Pathologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg, gemeinsam mit ihren Kollegen in Kenia. © Foto: dkfz.de
Dr. Miriam Reuschenbach, Klinische Kooperationseinheit Angewandte Tumorbiologie des Pathologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg, gemeinsam mit ihren Kollegen in Kenia. © Foto: dkfz.de

Das Universitätsklinikum Heidelberg, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die SAP SE starten gemeinsam eine Testphase zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs in Kenia. Eine gemeinsam entwickelte Software, ein neues Konzept und ein leicht auszuwertender Test erlauben ein flächendeckendes Screening in medizinisch unterversorgten Ländern.

Gebärmutterhalskrebs ist in vielen Ländern Afrikas kaum zu behandeln, es mangelt an Medizintechnik und entsprechend ausgebildeten Ärzten. Umso wichtiger ist die Vorsorge. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg und des DKFZ haben gemeinsam mit IT-Spezialisten der SAP SE ein auf die Verhältnisse vor Ort zugeschnittenes Konzept entwickelt: Eine von SAP entwickelte Software und das Internet – in Afrika über das Mobilfunknetz verfügbar – sowie ein leicht auszuwertender Test erlauben ein flächendeckendes Screening auch in wenig erschlossenen Gebieten. Krankenschwestern besuchen die Frauen in ihren Dörfern, nehmen Abstriche der Gebärmutterschleimhaut und verschicken die Proben an ein Zentrallabor. Die für die Patientenakten erhobenen Daten werden auf einer speziellen Cloud Plattform gespeichert. Hier hinterlegt das Zentrallabor auch die Testergebnisse, so dass die Krankenschwestern vor Ort die Frauen zeitnah informieren können. Das Projekt ist nun im Rahmen einer Studie in Zusammenarbeit mit dem Moi Teaching and Referral Hospital in Eldoret, Kenia, gestartet worden.

„Wir möchten mit diesem gemeinsamen Projekt Unternehmen der Gesundheitsbranche zeigen, dass es sich lohnen kann, in Gesundheitsprojekte in ärmeren Ländern zu investieren. Es gibt dort einen enormen Bedarf z.B. an innovativen Vorsorge-Programmen“, erläutert Dr. Miriam Reuschenbach, von der Klinischen Kooperationseinheit Angewandte Tumorbiologie des Pathologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg und am DKFZ: Sie ist die Projektleiterin einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Pilotmaßnahme, aus der die Zusammenarbeit mit der SAP SE initiiert wurde.

„Nur durch die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft können die Probleme vor Ort sinnvoll und nachhaltig gelöst werden“, sagt Professor Dr. Magnus von Knebel Doeberitz, Ärztlicher Direktor Abteilung Angewandte Tumorbiologie, Pathologisches Institut am Universitätsklinikum Heidelberg und Leiter der Klinischen Kooperationseinheit mit dem DKFZ. „Mit der SAP SE mit Sitz in Walldorf haben wir einen kompetenten und innovativen Partner gefunden, um trotz schwacher Infrastruktur eine lückenlose Kommunikation zwischen den Frauen, Labor, Ärzten und Krankenschwestern sicherzustellen.“

Krebsvorstufen in Kenia noch gut zu behandeln

Weltweit erkranken jährlich mehr als eine halbe Million Frauen an Gebärmutterhalskrebs, rund eine Viertel Million stirbt jedes Jahr daran. In den ärmeren Ländern der Welt haben Frauen mit fortgeschrittenen Krebsstadien nur selten Zugang zu einer Therapie, eine umfassende Behandlung mit Chemotherapie und Bestrahlung ist von den Krankenhäusern vor Ort kaum zu leisten. „Für die Frauen in vielen Ländern Afrikas bedeutet ein bereits in tiefere Gewebeschichten eingewachsener Tumor meist den sicheren Tod – ohne Schmerzmittel zudem einen sehr leidvollen Tod“, sagt Dr. Hermann Bussmann, Projektkoordinator des ETiCCS-Programms in der Abteilung für Angewandte Tumorbiologie. Die hohe Sterblichkeitsrate ist außerdem speziell in Entwicklungsländern ein großes sozioökonomisches Problem, da die Erkrankung häufig Mütter und Frauen im arbeitsfähigen Alter trifft. Dazu kommt, dass HIV-positive Frauen – in Kenia sind rund acht Prozent der Bevölkerung betroffen – ein erhöhtes Risiko tragen, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Programme zur Früherkennung, die auch Frauen außerhalb der Städte erreichen, könnten viele Todesfälle verhindern. Die Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses lassen sich in der Regel auch in ärmeren Ländern gut behandeln.

Bei der Konzeption und Einführung entsprechender Screening-Programme gibt es drei große Probleme: Der bisher zuverlässigste Test auf Krebsvorstufen in der Gebärmutterschleimhaut, der auch in Deutschland zum Einsatz kommt, ist nur mit geschultem Blick auszuwerten. Andere Tests sind wenig aussagekräftig. Die Frauen leben größtenteils nicht in der Nähe einer Klinik oder eines niedergelassenen Frauenarztes. Und die wenigen Kliniken wären mit dem Zulauf im Rahmen eines routinemäßigen Screenings hoffnungslos überfordert.

Über Cloud Plattform erreichen Testergebnisse alle Probandinnen

Alle diese Punkte sind im Projekt ETICCS (Emerging Technologies in Cervical Cancer Screening) berücksichtigt. Zur Anwendung kommt ein Krebstest, den das Team um von Knebel Doeberitz entwickelt hat und dessen Genauigkeit in mehreren Studien belegt wurde. Ein spezielles Färbeverfahren markiert veränderte Zellen mit einem hohen Risiko, sich zu einer Krebsvorstufe weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist entweder positiv oder negativ, es gibt keine Zwischenstufen und keinen Spielraum für Fehlinterpretationen. Die Gewebeproben können von Krankenschwestern in den Ortschaften mit Hilfe von sterilen Einweg-Sets entnommen, sofort fixiert, codiert und anschließend an das zuständige Labor verschickt werden. Studienrelevante Daten verwalten die Krankenschwestern an Notebooks über eine spezielle Software, die das Team von SAP in enger Abstimmung mit Ärzten um Professor von Knebel Doeberitz entwickelte. Die zehn in der Studie verwendeten Notebooks sind eine Spende der Firma Intel.

Die Software lässt sich intuitiv bedienen und lädt die pseudonymisierte Patientenakte, sobald eine Internet-Verbindung hergestellt werden kann, automatisch auf die SAP HANA Cloud Plattform. Nachdem die Labormitarbeiter die Testergebnisse in dieser virtuellen Patientenakte hinterlegt haben, holt die Software sie wiederum automatisch auf die Notebooks, sobald Zugang zum Internet besteht. Auf diese Weise können die Krankenschwestern Frauen mit auffälligem Ergebnis zeitnah informieren und sie zur weiteren Abklärung an die nächste Klinik verweisen. Die Mehrbelastung der Kliniken bleibt überschaubar.

In einem nächsten Schritt wäre auch der Einbezug von Mobiltelefonen und Smartphones denkbar, die in Kenia weit verbreitet sind. Mit ihrer Hilfe könnte man die Frauen direkt über ein bevorstehendes Screening informieren, über die Erkrankung aufklären oder Testergebnisse übermitteln. „ETICCS ist ein Modell für einen wichtigen Aspekt der Gesundheitsversorgung in ärmeren Ländern. Es lässt sich problemlos auf andere Länder und auch andere Erkrankungen übertragen“, ist sich Professor von Knebel Doeberitz sicher. Die erste Projektphase wird von der in New York City ansässigen Ladenburg-Foundation gefördert.

Homepage des ETICCS-Projekt: www.eticcs.org

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Pressemitteilung dkfz Heidelberg
Dr. Stefanie Seltmann, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Deutsches Krebsforschungszentrum, Im Neuenheimer Feld 280, 69120 Heidelberg, Tel.: +49 6221 42 / 2854, F: +49 6221 42-2968, eMail: S.Seltmann@dkfz.de
09.11.2015
22.06.2017, 11:21 | tsc
Zurück