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  • Thomas Schönemann

Australisch-deutsches Forschungsprojekt

Verursachen Unterbrechungen Fehler?

Rollenspiel auf der Intensivstation: Das Versuchsszenario der neuen Studie. © Foto: Matthew Thompson / Universität Würzburg
Rollenspiel auf der Intensivstation: Das Versuchsszenario der neuen Studie. © Foto: Matthew Thompson / Universität Würzburg

Das weiß doch jeder: Wer bei der Arbeit oft unterbrochen wird, macht mehr Fehler. Wissenschaftlich bewiesen ist diese Aussage nicht unbedingt. Ob etwas dran ist an diesem Glauben, untersucht ein neues australisch-deutsches Forschungsprojekt. Daran beteiligt ist ein Psychologe der Uni Würzburg.

Das Telefon klingelt, Outlook signalisiert den Eingang einer neuen Mail, der Kollege hat eine Frage. Unterbrechungen gehören zur Arbeit wie das Schnitzel zur Speisekarte der Betriebskantine. Und wohl jeder stimmt der Aussage zu: Unterbrechungen stören den Arbeitsablauf, verzögern Projekte und ziehen Fehler nach sich. Aber stimmt das überhaupt? Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich diese Frage jedenfalls nicht eindeutig beantworten.

Unter anderem deshalb gehen Wissenschaftler aus Australien, den USA und Deutschland in einem neuen Forschungsprojekt der Frage nach: Verursachen Unterbrechungen Fehler? Mit daran beteiligt ist Dr. Tobias Grundgeiger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologische Ergonomie der Universität Würzburg.

In ihrer Studie konzentrieren sich die beteiligten Wissenschaftler auf Krankenschwestern und -pfleger in Kliniken Australiens. „Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass das Pflegepersonal in Krankenhäusern im Durchschnitt alle drei Minuten in seiner Arbeit unterbrochen wird. Alle acht Minuten müssen die Schwestern und Pfleger deshalb tatsächlich den Vorgang unterbrechen, mit dem sie gerade beschäftigt sind“, sagt Tobias Grundgeiger. Schlimm genug, dass es deshalb deutlich länger dauern kann, bis eine Arbeit erledigt ist. Viel schlimmer wiegt jedoch die Befürchtung, dass Unterbrechungen häufig auch Fehler nach sich ziehen – Fehler, die gerade im Gesundheitssystem gravierende Auswirkungen haben können.

Fehler mit tödlichen Folgen

Immerhin sterben nach einer aktuellen Studie, die das Aktionsbündnis Patientensicherheit im Frühjahr 2013 vorgestellt hat, allein in Deutschland jedes Jahr 17.000 Patienten im Krankenhaus durch vermeidbare Fehler. In den Krankenhäusern der USA sind Behandlungsfehler die dritthäufigste Todesursache, wie eine im September 2013 veröffentlichte Untersuchung zeigt. Dort bewegt sich die Zahl der Betroffenen zwischen 210.000 und 400.000 Menschen. Deutlich höher dürfte die Zahl der Fälle sein, in denen Patienten nach einem Fehler glücklicherweise nicht gestorben sind, aber dennoch von gravierenden Folgen betroffen waren.

„Dass Unterbrechungen im Krankenhaus zu Fehlern führen, klingt einleuchtend. Wissenschaftlich ist diese Vermutung allerdings nicht bestätigt. Es gibt keine guten Belege dafür“, sagt Grundgeiger. Das Forschungsprojekt wird diese Frage deshalb in den kommenden drei Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln angehen.

Es gibt immer einen Grund für eine Unterbrechung

Derjenige, der für die Unterbrechung gesorgt hat, steht im Mittelpunkt eines Teilprojekts. „Es gibt ja immer einen Grund, warum jemand seinen Kollegen unterbricht. Möglicherweise benötigt er dringend eine Information“, sagt Grundgeiger. Die Wissenschaftler interessiert deshalb unter anderem, warum diese spezielle Information fehlt und welche Konsequenzen es hätte, wenn solche Unterbrechungen nicht mehr möglich sind – beispielsweise weil der Befragte in einem speziellen Bereich zugange ist, der als „unterbrechungsfreie Zone“ markiert ist. „Dann wird zwar der eine Mitarbeiter nicht mehr gestört, aber dafür kommt es möglicherweise an einer anderen Stelle zur Unterbrechung der Arbeitsabläufe oder ein Arbeitsablauf wird stark verzögert– was auch nicht gewünscht ist“, sagt Grundgeiger.

Untersuchung in Intensivstationssimulatoren

In einem zweiten Teilprojekt wollen die Forscher klären, ob es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen Unterbrechungen und der Fehlerhäufigkeit gibt. Zum Einsatz kommt dabei das reale Abbild einer Intensivstation, auf der sich ein Patient befindet. Geräte, Mobiliar, Medikamente: Alles entspricht exakt dem Vorbild im Krankenhaus; allein der Patient wird durch eine elektronisch gesteuerte Patientenpuppe ersetzt, die viele Funktionen besitzt, die sie möglichst menschenähnlich macht. In diesem Umfeld bekommt eine echte Krankenschwester diverse Aufträge und wird bei deren Erledigung von einer zuvor instruierten Kollegin immer mal wieder unterbrochen. Per Videokamera beobachten die Wissenschaftler das Geschehen und registrieren jeden Fehler.

Das dritte Teilprojekt geht der sehr konkreten Frage nach, welche Veränderungen auf der Organisationsebene notwendig sind, damit auf Intensivstationen Unterbrechungen gar nicht erst vorkommen.

Enger Kontakt nach Australien

Umgerechnet rund 340.000 Euro erhalten die Wissenschaftler vom Australian Research Counsil für ihre Untersuchungen in den kommenden drei Jahren. Der Großteil davon geht an die University of Queensland, an der die Projektleiterin Professor Penelope Sanderson arbeitet. Tobias Grundgeiger ist an der Planung und Konzeption der Studien beteiligt und wird im Laufe des Projekts drei Mal nach Australien fliegen.

Wie kommt ein Würzburger Psychologe als einziger Europäer in ein Forschungsprojekt, dessen Fokus auf dem Gesundheitssystem in Australien liegt? Ganz einfach: „Ich bin nach meinem Studium in Regensburg an die University of Queensland gegangen und habe dort promoviert von 2007 bis 2010“, sagt Grundgeiger. Dort habe er angefangen, sich intensiver mit Unterbrechungen und ihren Auswirkungen zu beschäftigen.

Gunnar Bartsch, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Dr. Tobias Grundgeiger, Tel.: 0931 / 31-81743, eMail: tobias.grundgeiger@uni-wuerzburg.de
19.11.2013
22.06.2017, 11:21 | tsc
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