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  • Denise Reimbold

Einzigartige Daten zur Patientensicherheit

Wie sicher sind Narkosen in Deutschland?

Notfall auf der Intensivstation. © Foto: AOK-Mediendienst
Notfall auf der Intensivstation. © Foto: AOK-Mediendienst

In Deutschland ist ein hoher Sicherheitsstandard in der Anästhesiologie erreicht, auch wenn eine Narkose genauso wie eine Operation mit Risiken für den Patienten behaftet ist. Eine von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) und dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten e. V. (BDA) initiierte, groß angelegte retrospektive Analyse von prospektiv erhobenen Kohorten-Daten [1], die im British Journal of Anaesthesia veröffentlich wurde, liefert erstmals einzigartige Hinweise auf das Narkoserisiko hierzulande.

Die Analyse von etwa 1,4 Millionen Narkosen ergab ein anästhesiebedingtes Risiko für schwere Zwischenfälle von 7,3 pro einer Million Narkosen. Untersucht wurden Dokumentationen von Anästhesien bei geplanten Operationen bei ansonsten weitgehend gesunden Patienten. Gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung wollen DGAI und BDA die Patientensicherheit konsequent weiter verbessern, um den wachsenden Herausforderungen adäquat entgegenzutreten.

In der retrospektiven Analyse wurden 1,36 Millionen Datensätze von in Deutschland durchgeführten Narkosen ausgewertet. „Somit liegen uns erstmals derart umfangreiche Daten zur Patientensicherheit in Deutschland vor“, betont der DGAI-Präsident Professor Dr. med. Christian Werner. „Erhoben wurden die Daten in den Jahren 1999 bis 2010 auf Basis des so genannten Kerndatensatzes Anästhesie, einem freiwilligen und anonymen Qualitätssicherungssystem“, erläutert der Erstautor der Studie Dr. Dr. med. Jan-H. Schiff, MPH, vom Klinikum Stuttgart.

Erstmals Zahlen aus Deutschland

Anästhesieberichte von geplanten Operationen bei Patienten, bei denen keine besonderen Risikofaktoren vorlagen, wurden im Hinblick auf die Häufigkeit von schweren Zwischenfällen und Komplikationen analysiert. Bei den untersuchten 1,36 Millionen Fällen traten bei 36 Patienten Komplikationen auf, deren Resultat von den behandelnden Anästhesisten als „Tod oder bleibender Dauerschaden“ angegeben wurde. „Ein Expertenteam hat überprüft, ob es sich eher um ein Anästhesieproblem oder eventuell um eine operative oder andere Komplikation handelte“, so Schiff. „In 10 Fällen konnten die schweren Zwischenfälle und Komplikationen eindeutig der Anästhesie zugeordnet werden.“ Die Auswertung hat somit ergeben, dass es bei mindestens einem von 140.000 Patienten (7,3/1.000.000; 95% CI, 3.9-12.3) zu einem schweren Zwischenfall gekommen ist, der auf die Anästhesie zurückgeführt werden kann.

In neun Fällen waren Intubationsprobleme aufgrund eines unerwartet schwierigen Luftweges die Komplikationsursache. In einem Fall handelte es sich um einen Bronchospasmus, das heißt um eine Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur. „Offen bleibt, wie sich die 10 Fälle, bei denen ein Tod oder ein bleibender Dauerschaden festgestellt wurde, aufteilen. Es kann leider keine Aussage getroffen werden, wie viele von diesen Patienten verstarben und was bei den anderen für ein Dauerschaden vorliegt“, erklärt Schiff. Denn die Datenerhebung sei nicht darauf angelegt gewesen, die Frage nach den Resultaten schwerer Komplikationen zu beantworten.

Hohe Patientensicherheit auch im internationalen Vergleich

„Die Patientensicherheit bei Narkosen in Deutschland ist, verglichen mit anderen Ländern, sehr hoch“, kommentiert der DGAI-Generalsekretär Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hugo Van Aken, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster, die Ergebnisse. In einer niederländischen Studie [2] wurde mit 14 pro 100.000 Fällen eine 20-fach höhere Rate an anästhesiebedingten Todesfällen bei Patienten aller Risikogruppen (elektive Eingriffe und Notfälle) festgestellt. Die deutschen Daten zeigen, dass ein narkosebedingter Todesfall oder permanenter Schaden bei uns in 0,7 pro 100.000 Fällen auftreten. Jedoch wurden dabei nur gesunde Patienten ohne Notfall- und Herzoperationen in die Studienpopulation einbezogen. „Allerdings ist es schwer, Studien zum Anästhesie- und Operationsrisiko unterschiedlicher Länder zu vergleichen, da sich die Untersuchungen erheblich unterscheiden“, räumt Van Aken ein.

Maßnahmen zur Fehlervermeidung zeigen Erfolge

Die hohe Patientensicherheit in Deutschland basiert auf zahlreichen Maßnahmen zur Vermeidung von Fehlern und zur Verbesserung der Versorgungsqualität. Hierzu zählt unter anderem das internetbasierte Berichtsystem „Critical Incident Reporting System“ (CIRS) zur Meldung von kritischen Ereignissen. Gemäß dem Prinzip „Lernen aus Fehlern“ werden freiwillig und anonym mitgeteilte, sicherheitsrelevante Ereignisse analysiert und als Lehrmaterial aufbereitet. Hinzu kommt, dass die deutsche Anästhesie seit Jahren das aufwändige Simulatortraining fördert. Bei diesem Sicherheitskonzept, das aus der Luftfahrt übernommen wurde, kann das Vorgehen in kritischen Situationen geübt werden. Beispielsweise können Intubationsschwierigkeiten, also Situationen, die sich in der aktuellen Untersuchung von Schiff und Kollegen als risikoreich erwiesen haben, trainiert werden. „Doch auch wenn die Patientensicherheit in Deutschland bereits ein hohes Niveau erreicht hat, setzen wir uns dafür ein, diese weiter zu verbessern“, bekräftigt Werner. „An erster Stelle steht dabei die ständige Optimierung der Aus- und Weiterbildung der Anästhesisten. Wir prüfen gerade, ob die Teilnahme an einem speziellen Luftweg-Management-Kurs in die Weiterbildungsordnung für Anästhesisten aufgenommen werden kann“, konkretisiert der DGAI-Präsident die Pläne.

Sicherheit durch Ausweitung auf andere Berufsgruppen gefährdet

Narkosen und ausgedehnte Regionalanästhesieverfahren werden in Deutschland ausschließlich von Anästhesisten durchgeführt. Eine Ausweitung auf andere, nicht ärztliche, Berufsgruppen, wie auf speziell geschulte Pflegekräfte, sehen DGAI und BDA sehr kritisch. Entsprechende Pläne sind Teil des Koalitionsvertrags zwischen CDU, CSU und SPD, wenn auch nicht explizit auf die Anästhesie bezogen [3]. „Gerade im Hinblick auf eine zunehmend älter werdende Bevölkerung verbunden mit zusätzlichen Risikofaktoren lehnen wir alle Bestrebungen der Substitution von ärztlichen Leistungen in der Anästhesie durch nicht ärztliches Personal strikt ab“, kommentiert Van Aken. „Die aktuellen Zahlen von Schiff und Kollegen mahnen gegen ein Denken in diese Richtung.“

Wolfgang Müller M.A. AWMF Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
Dorothea Küsters Life Science Communications GmbH, Leimenrode 29, 60322 Frankfurt am Main, Michaela Jurcec, Melanie Strecker, Tel.: 069 - 61 998 23, -12; Fax: 069 - 61 998-10
07.05.2014
22.06.2017, 11:21 | dre
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