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  • Denise Reimbold

Trauerbegleitung

Wege „zurück ins Leben“ ebnen

Das Team „TrauErLeben“ hat nun die Ergebnisse des Forschungsprojektes vorgestellt. © Foto: Projekt "TrauErLeben"
Das Team „TrauErLeben“ hat nun die Ergebnisse des Forschungsprojektes vorgestellt. © Foto: Projekt "TrauErLeben"

Eine qualifizierte Trauerbegleitung hilft Trauernden nach dem Tod eines Angehörigen oder Freundes. Dies konnte im Rahmen einer umfassenden Fragebogenerhebung erstmals in Deutschland empirisch nachgewiesen werden. Vorgestellt wurden die Ergebnisse des Forschungsprojektes unter Leitung von Professor Dr. Michael Wissert von der Hochschule Ravensburg-Weingarten in Berlin.

„Am schlimmsten ist es, wenn man sich nicht verabschieden kann“, zitierte Professor Michael Wissert von der Hochschule Ravensburg-Weingarten einen häufig geäußerten Satz aus der schriftlichen Befragung von 680 trauernden Menschen im Rahmen des Forschungsprojekts „TrauErLeben“. Grundsätzlich zeigte sich in der Studie, dass „plötzliche Todesfälle durch Unfall, Suizid oder Herzversagen zu besonders hohen Belastungen bei den Angehörigen führen.“ Auch Todesfälle unter besonderen Umständen wie das Versterben eines Kindes im Mutterleib, eine Fehlgeburt, der Tod nach Gewalttaten oder einer Naturkatastrophe haben bei den unmittelbar Betroffenen oftmals einen erhöhten Bedarf an Trauerbegleitung zur Folge.

Im Rahmen der umfassenden Fragebogenerhebung bei 680 Hinterbliebenen und 319 Trauerbegleitern konnte in Deutschland erstmals empirisch nachgewiesen werden, dass eine qualifizierte Trauerbegleitung Trauernden nach dem Tod eines Angehörigen oder Freundes hilft und ihnen den Weg „zurück ins Leben“ ebnen kann. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Wirkungen von Trauerbegleitung im Rahmen der emotionalen und sozialen Bewältigung von tiefgehenden und komplizierten Trauerprozessen“ unter Leitung von Professor Michael Wissert von der Hochschule Ravensburg-Weingarten wurden in Berlin vorgestellt.

Unerwartet selbst für die erfahrenen Forscher: Zahlreiche der Befragten haben sich direkt in den Fragebögen oder auch in Briefen dafür bedankt, „dass sich endlich jemand dieses so wichtigen Themas annimmt“.

Die Teilnehmer der Befragung haben rückblickend ihre Belastungen zum Zeitpunkt direkt nach dem Todesfall eingeschätzt, in einem zweiten Teil des Fragebogens wurde erhoben, wie belastet sie sich aktuell fühlen. Dabei zeigte sich: Für die Nutzer von Trauerbegleitungsangeboten haben sich im Zeitraum seit dem unmittelbaren Trauerereignis die Belastungen deutlich stärker verringert als für diejenigen, die keine qualifizierte Hilfe von außen in Anspruch genommen haben. Insbesondere wurden Einzel- oder Gruppenbegleitungen von Menschen aufgesucht, die bezüglich der unmittelbaren Zeit nach dem Todesfall in allen Lebensbereichen über höhere Belastungswerte berichtet hatten.
Frauen empfanden eine höhere Gesamtbelastung direkt nach dem Todesfall als Männer. Nach dem Verlust eines Kindes oder des Lebenspartners wurden, so die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojektes an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, häufig Angebote zur Trauerbegleitung wahrgenommen.

„Eine Trauer direkt nach dem Tod meines Mannes war mir durch familiäre Streitereien nicht möglich. Das hat mich sehr belastet und mir eine wichtigen Teil der Trauer genommen. Mit dem Beginn der Trauergespräche in der Begleitung war die Art der Trauer schon eine andere. Diese wurde von der Mitarbeiterin im Trauergespräch sehr gut aufgefangen“, so äußerte sich in der Befragung eine 58-jährige Frau.

In diesem Zusammenhang betonte Christine Stockstrom, Bundesverband Trauerbegleitung e.V., in Berlin die Notwendigkeit der Qualifizierung von Trauerbegleiterinnen: „Mit dem Verlust eines Menschen zu leben, ins eigene Leben zurückzufinden, den Alltag zu bewältigen, sich sozial wieder zu integrieren, der Trauer einen Ort und ihre Zeit zu geben, aber auch mit Schuld- und Schamgefühlen zurecht zu kommen, all diese Aufgaben, die sich Trauernden stellen, erfordern besondere Kompetenzen bei den Begleitern.“

Die Erhebung bei 319 Trauerbegleitern zeigt, dass diese aus sehr unterschiedlichen Grundberufen kommen, je ein Viertel aus der Sozialarbeit bzw. aus der Pflege, gleichzeitig haben 40 Prozent eine berufliche Grundqualifikation jenseits sozialer oder gesundheitsbezogener Berufe. Sie alle eint, dies ist die Erkenntnis des Forschungsteams, dass sie sich in der Regel „aus eigener Betroffenheit“ für die ehren- oder hauptamtliche Arbeit als Trauerbegleiter entschieden haben. Zielgruppen dieser Tätigkeit sind zu 40 Prozent Kinder und Jugendliche.

Eine wesentliche Schlussfolgerung aus dem Forschungsprojekt ist laut Heiner Melching, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, dass die Versorgung und Betreuung eines schwerkranken Menschen und seiner Familie nicht mit dem Tod enden muss, sondern dass den Angehörigen auch darüber hinaus Angebote zur Trauerbegleitung zugänglich gemacht werden sollten. „Insbesondere, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind, muss das Umfeld befähigt werden, offen und bedürfnisorientiert mit deren Trauer umzugehen.“

„Meine Klasse hat mich damals gemobbt und ausgelacht, dass ich keinen Vater mehr habe. Ich hatte dreimal Suizidversuche unternommen. Ich wäre bei einer Aktion von meiner Klasse fast von einem Auto überfahren worden. Niemand hat mir aber geglaubt. Das Wochenende in der Trauerbegleitung war sehr hilfreich. Es hat mir auch zu verstehen gegeben, dass es ganz normal ist, sich sehr viele Gedanken über das Leben zu machen. Das Gespräch mit den anderen, die wie ich auch den Vater/Mutter verloren haben, gab mir neuen Mut“, äußerte sich ein 16-jähriges Mädchen im Rückblick auf die letzten Jahre.

Im Umfeld plötzlicher Todesfälle, z.B. in Kliniken, Rettungsdiensten, bei Polizei und Feuerwehr muss – auch aufgrund der Ergebnisse des Projektes „TrauErLeben“ – weiter darüber nachgedacht werden, wie eine qualifizierte Trauerbegleitung institutionell verankert werden kann, um Betroffenen niedrigschwellig und direkt Unterstützung anbieten zu können, hob Monika Müller hervor, die über 20 Jahre lang die Ansprechstelle im Land NRW für Palliativmedizin, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung (ALPHA Rheinland) geleitet hat.

„Als mein Bruder starb war ich noch ein Kind. Die eigentliche Trauerverarbeitung fand heftig während meiner Jugend zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr statt. Da ich in der ersten Phase meiner Trauer den Tod verdrängt hatte und dies vom Umfeld in meinem Heimatort nicht akzeptiert wurde, empfand ich es als erlösend, dass mein Umgang mit dem Tod im Trauerseminar völlig akzeptiert wurde. Es war auch äußerst hilfreich für mich zu sehen, dass ich nicht das einzige Kind bin, das ein Geschwister verloren hat. Ich glaube aber, dass die Kinder, denen ich dort begegnet bin, meine eigentliche Trauerbegleitung waren, da nur sie mich in vollem Ausmaß verstehen konnten und nachvollziehen konnten, wie es mir ging“, so äußerte sich eine 19-jährige Frau.

Ergänzende Informationen zum Titelbild:
Das Team „TrauErLeben“ hat nun die Ergebnisse des Forschungsprojektes vorgestellt. Von links: Dr. David Pfister, Professor Dr. Michael Wissert und Alexandra Vogt von der Hochschule Ravensburg-Weingarten, Lutz Nelles, Monika Müller (Kooperationspartnerin des Projekts, ALPHA Bonn).

Dr. Tove Simpfendörfer, Pressestelle, Hochschule Ravensburg-Weingarten
Forschungsprojekt „TrauErLeben“, Professor Dr. Michael Wissert (Leitung), Tel.: 0751 501 / 9416, Fax: 0751 55 75 292, eMail: wissert@hs-weingarten.de
30.09.2013
22.06.2017, 11:21 | dre
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