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  • Thomas Schönemann

Weniger ist mehr

Neue Wege in die Gesundheit für Patientinnen und Patienten

"Weniger ist mehr"-Symposium am 22.5.2015 in Berlin. © Foto: Q.pictures  / pixelio.de
"Weniger ist mehr"-Symposium am 22.5.2015 in Berlin. © Foto: Q.pictures / pixelio.de

Der Erfolg unserer modernen Medizin wird meist einem Mehr an Behandlung und Diagnostik zugeschrieben. Damit steigen die Kosten. Diese Spirale, so die landläufige Meinung, ist notwendiges Ergebnis des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts und gut für alle. Ein wissenschaftliches Symposiom am 22.5.2015 in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung stellte diese Grundannahme in Frage. "Mehr ist oft weniger", so das Ergebnis dieser Tagung.

Denn Patienten leiden heute selten an einem Mangel an Behandlung. Vielmehr verführt der Markt der therapeutischen Möglichkeiten, der schneller wächst als die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Nützlichkeit der vorhandenen Verfahren, zusammen mit dem Erwartungsdruck von Patienten dazu, therapeutische Maßnahmen anzuwenden, die oft wenig hilfreich sind und im Ernstfall oft mehr schaden als nutzen. Dieses Verhalten belastet nicht nur die Kassen, sondern auch die Gesundheit der Menschen.

"Die dritthäufigste Todesursache in der modernen westlichen Gesellschaft nach Herzinfarkt und Krebs ist die Nebenwirkung von Medikamenten", sagte der renommierte Arzt und Forscher Peter C. Gøtzsche vom Kopenhagener Cochrane Center. Gøtzsche, dessen Buch "Tödliche Medikamente" vor Kurzem auf Deutsch erschienen ist, hat die Wirksamkeit vieler medikamentöser und anderer Therapieverfahren im Rahmen der Cochrane Collaboration - einem Netzwerk von Wissenschaftlern, die nach harten methodischen Kriterien wissenschaftliche Studien bewerten - untersucht. "Für die meisten Interventionen liegen keine klaren Beweise für die Wirksamkeit vor und viel häufiger, als uns lieb ist, sind die Nebenwirkungen langfristig ernsthafter als die positiven Wirkungen, die oft nur kurzfristig untersucht sind", sagte Gøtzsche.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, belegte dies konkret. Häufig werden Medikamente zu früh zugelassen, bevor noch der wirkliche Nutzen im Verhältnis zum möglichen Schaden durch Nebenwirkungen und den Kosten feststeht. Dadurch würden Handlungszwänge geschaffen, weil bei Ärzten und Patienten Erwartungen aufgebaut würden. "Besonders deutlich ist dies bei einem Übermaß an chemotherapeutischen Verordnungen bei Krebs im Endstadium, wo oft nur sehr wenig Lebensverlängerung in der Größenordnung von wenigen Tagen im statistischen Durchschnitt erreicht werden kann, die aber im Verhältnis zu der Einbuße an Lebensqualität und den immensen Kosten gesehen werden muss", erklärte Ludwig.

Die kurzfristige Mentalität, die auf die Reparatur von Symptomen ausgerichtet ist und selten die komplexen Ursachen chronischen Krankheitsgeschehens berücksichtigt, führe dazu, dass Patienten die Verantwortung für ihr Wohlergehen auf Ärzte und das medizinische System delegieren. Dabei könnten viele chronische Krankheiten eigentlich als Lebensstilerkrankungen verstanden werden, meinte Prof. Andreas Michalsen von der Charité, und müssten auch als solche behandelt werden. "Regelmäßiges Yoga etwa ist die wirksamste Maßnahme zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen", so Prof. Michalsen.

Lioba Werrelmann, Journalistin und Buchautorin, machte an ihrer eigenen Odyssee als Patientin deutlich, wie Patienten in unserem modernen System oft in einer Vielzahl von Behandlungen versinken, ohne mit ihrem wirklichen Anliegen verstanden zu werden oder Hilfe zu finden.

Dr. Wolfgang Klitzsch, ehemaliger Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, diagnostizierte: "Nahezu alle Kräfte im deutschen Gesundheitswesen zielen auf ein Mehr an spezifischen medizinischen Leistungen zur Behebung eines 'unerwünschten Zustandes' - die Werbung der Industrie, die Patientenerwartungen, die Versprechungen der Politik, die Nachrichten von der Fortschrittsfront, die Disposition des Arztes, die finanziellen Anreize - vermutlich liegt aber die Lösung zentraler Probleme des erkrankten Menschen nicht in einer weiteren Steigerung von Leistungen dieser Art im Versorgungssystem." Vielmehr müssten wir lernen zu unterscheiden, welche Interventionen hilfreich sind und welche nicht.

Prof. Robert Jütte zitierte in seinem medizinhistorischen Rückblick den amerikanischen Anatomie-Professor Oliver Wendell Holmes (1829-1894): "Würde man den gesamten Heilschatz ins Meer versenken, umso besser für die Menschheit und umso schlimmer für die Fische".

Prof. Ulrich Schwantes von der Medizinischen Hochschule Brandenburg legte dar, dass die Aufgabe des Arztes in der Allgemeinmedizin vor allem die eines kompetenten Kommunikators sei, der seine Patienten versteht und damit schon 80% aller Patienten gut versorgt: "Wenn Sie einen Patienten nach 60 Sekunden unterbrechen, weil Sie meinen in Zeitnot zu sein, wird der Patient unzufrieden weggehen, ob mit oder ohne Rezept. Lassen Sie ihn ausreden, hört er von selber nach 90 Sekunden auf. Sie brauchen ihm in den meisten Fällen kein Rezept zu geben und er ist zufrieden."

Prof. Klaus Linde vom Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der TU München stellte die Frage, warum es so schwer sei, nicht zu behandeln. Der Arzt fühle sich selbst unter Erfolgszwang, der vom Patienten und der Gesellschaft noch verstärkt werde. "Nicht handeln können ist letztlich eine therapeutische Niederlage. Die Handlungsfähigkeit muss aber aufrechterhalten werden. Ärztliche Gespräche und Anleitung zur Selbsthilfe wären die 'korrekte' Lösung. Einfacher ist eine Verschreibung.", diagnostizierte Linde.

Prof. Harald Walach von der Europa-Universität Viadrina folgerte, dass sich diese Situation aus den Grundannahmen ergebe, die die Medizin stillschweigend macht. Sie betrachtet den Organismus als eine Maschine, die kaputt geht und repariert werden muss: "In einem solchen Modell hat der Patient keine Funktion außer der eines passiv Erleidenden und der Arzt die eines Mechanikers, der reparieren muss."

Insgesamt kam die Tagung zu dem Ergebnis, wie Prof. Stephan Breidenbach von der Europa-Universität Viadrina zum Schluss zusammenfasste, dass das Vorurteil, Behandlung sei immer das Beste, oftmals unbegründet ist. Eine Kultur des Abwartens, bei dem die Selbstheilungseffekte zum Tragen kommen können, sei häufig hilfreicher.

(*) Symposium am 22.5.2015 in Berlin, veranstaltet vom Institut der Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (Prof. Dr. Robert Jütte), organisiert gemeinsam mit der Abteilung Naturheilkunde der Charité (Prof. Dr. Andreas Michalsen) und der Europa-Universität Viadrina (Prof. Dr. Harald Walach, Prof. Dr. Stephan Breidenbach), gefördert von der Karl und Veronica Carstens Stiftung.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Robert Jütte, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Straußweg 17, 70184 Stuttgart, Tel. 0711-46084171, E-Mail: robert.juette@igm-bosch.de

Pressemitteilung der Carstens-Stiftung
Michèl Gehrke, Carstens-Stiftung : Natur und Medizin, Am Deimelsberg 36, 45276 Essen, Tel: 0201 / 56305-61, Fax: 0201 / 56305-60, eMail: m.gehrke@carstens-stiftung.de
22.05.2015
22.06.2017, 11:21 | tsc
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