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  • Denise Reimbold

Schmerzmedizin zukunftsfähig machen

Offener Brief an das Bundesgesundheitsministerium fordert Bedarfsplanung

Lange Wartezeiten und nicht ausreichende Behandlungen seien die Hauptprobleme chronischer Schmerzpatienten. © Foto: Dieter Schütz / Pixelio.de
Lange Wartezeiten und nicht ausreichende Behandlungen seien die Hauptprobleme chronischer Schmerzpatienten. © Foto: Dieter Schütz / Pixelio.de

Seit 30 Jahren ist die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) im Auftrag der Schmerzfreiheit aktiv. "Doch diese Freiheit haben zu viele Patienten noch lange nicht erreicht", sagte Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Tagungspräsident und Präsident der DGS, bei der Auftakt-Presskonferenz zum 25. Schmerz- und Palliativkongress, der unter dem Motto "30 Jahre Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin - eine starke Gemeinschaft im Auftrag der Schmerzfreiheit" vom 19. bis 22. März in Frankfurt am Main stattfindet.

"Wir fordern eine Bedarfsplanung, um mehr Schmerzpatienten eine angemessene Lebensqualität zu ermöglichen," so Müller-Schwefe weiter. Die Fachgesellschaft richtet sich mit ihren Forderungen in einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Neben gesundheitspolitischen Themen stehen beim Kongress neue wissenschaftliche Erkenntnisse u. a. zum bio-psycho-sozialen Schmerzmodell sowie praxisnahe Workshops und Seminare für Ärzte, Apotheker und Physiotherapeuten auf dem Programm.

Nach wie vor beklagt die DGS die mangelnde Versorgung chronischer Schmerzpatienten. Lange Wartezeiten und nicht ausreichende Behandlungen seien die Hauptprobleme, so Müller-Schwefe. Die Fachgesellschaft hat daher im Rahmen des Schmerz- und Palliativtages einen offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe veröffentlicht, der drei Forderungen enthält: Die Bedarfsplanung für schmerzmedizinisch tätige Ärzte, die Umsetzung der Medikamentenausnahmeliste zum Austausch von Opioiden und mittelfristig die Einführung des Facharztes für Schmerzmedizin. "Denn", so Müller-Schwefe "chronische Schmerzen müssen als eigenständige Erkrankung diagnostiziert und therapiert werden. Dementsprechend müssen universitäre Lehrinhalte entwickelt und in der Weiterbildungsordnung umgesetzt werden."

Schmerzkompetenzen verankern

Das bestehende Ausbildungsdefizit versucht die DGS seit ihrer Gründung mit einem umfangreichen Fortbildungsangebot für Ärzte zu kompensieren. Verstärkt wird die Fachgesellschaft zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um junge Mediziner für die Schmerzmedizin zu begeistern. Dazu ist beispielweise eine Fortbildungsreihe mit Exklusiv-Workshops für junge Ärzte geplant. Darüber hinaus bietet die Fachgesellschaft auch Fortbildungen für Apotheker und Physiotherapeuten an, die häufig die erste Anlaufstelle für Patienten mit chronischen Schmerzen sind. Apotheken können sich in ihrer Beratungskompetenz rund um die Schmerztherapie mit verschreibungsfreien und verschreibungspflichtigen Analgetika zur "Kompetenzapotheke Schmerz" fortbilden und zertifizieren lassen. Auch Physiotherapeuten bietet die DGS mit dem Programm "Schmerzkompetenz Physiotherapie" eine spezialisierte Fortbildung. "Durch die starke Vernetzung des Fachgebietes machen wir die Schmerzmedizin Schritt für Schritt zukunftsfähig," resümiert der DGS-Präsident.

Für die Lebensqualität von Schmerzpatienten

Getreu dem Motto "Von, mit und für Schmerzpatienten" setzt sich die Deutsche Schmerzliga e.V. (DSL) seit fast 25 Jahren für eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland ein. Künftig will die Patientenorganisation ihre Aktivitäten ausweiten, um für Schmerzpatienten noch mehr zu erreichen. "In den kommenden Jahren wollen wir gezielt neue Gruppen von Menschen gewinnen, sich für das Problem chronischer Schmerzen und die davon betroffenen Patienten zu engagieren", erklärt PD Dr. Michael A. Überall, Präsident der Deutschen Schmerzliga und Vizepräsident der DGS. Dazu gehören Angehörige und Freunde, die regelhaft Anteil an den Leiden chronischer Schmerzpatienten nehmen, jüngere Schmerzpatienten, die sich seit einiger Zeit vermehrt an die Schmerzliga wenden sowie Patienten mit ihren unterschiedlichen Ausgangssituationen, indem die spezifischen Bedürfnisse von Patienten mit Rücken-, Arthrose- oder Tumorschmerzen berücksichtigst werden.

Bio-psycho-soziales Schmerzmodell erneut bestätigt

Nicht nur die Grunderkrankungen chronischer Schmerzen sind sehr vielfältig, auch der Prozess der Chronifizierung ist deutlich komplexer als bisher vermutet. So zeigen Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Jürgen Sandkühler von der Medizinischen Universität Wien, dass inflammatorische Prozesse im Zentralen Nervensystem (Neuroinflammation) eine bedeutende Rolle in der Chronifizierung von Schmerzen spielen. Dass auch soziale Faktoren diesen Prozess beeinflussen, belegen erneut Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer, der chronische Schmerzen evolutionsbiologisch betrachtet und zu dem Schluss kommt, dass soziale Ausgrenzung und Ablehnung die Entstehung chronischer Schmerzen mitbestimmen. Da sowohl die körperliche Unversehrtheit als auch das Leben in der Gruppe für den Menschen vor Jahrtausenden überlebenswichtig war, ist es, so Spitzer, nicht verwunderlich, dass für die Verarbeitung schmerzhafter Erlebnisse und sozialer Ausgrenzung das gleiche Areal im Gehirn zuständig ist. Das erklärt auch, warum das Verhältnis von Patienten zu ihren Mitmenschen chronische Schmerzen beeinflusst. Damit wird das bio-psycho-soziale Schmerzmodell erneut bestätigt und weiter vertieft.

Komplexität chronischer Schmerzen erfordert neue Therapieansätze

Ein so komplexes Krankheitsgeschehen erfordert eine ebenso vielschichtige Therapie. Daher finden sich im Kongressprogramm Vorträge und Symposien zu einer großen Bandbreite unterschiedlicher Schmerztherapien - angefangen von der klassischen medikamentösen Therapie über Naturheilverfahren bis hin zu psychologischen Behandlungen. Eine der neuesten Entwicklungen, die beim diesjährigen Schmerz- und Palliativtag vorgestellt werden, ist die Behandlung von Rückenschmerzen mit Hilfe elastischer Rückenbänder, in welche blaues LED-Licht integriert ist. Neben der wärmenden Wirkung rege das Licht die Ausschüttung von Stickstoffmonoxid an, was die Durchblutung fördere, so dass der schmerzende Muskel besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werde, erläuterte Dr. med. Silvia Maurer, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Bad Bergzabern.

PraxisLeitlinien bieten Orientierung

Als Orientierung für Ärzte im Schmerzmedizin-Alltag entwickelt die DGS PraxisLeitlinien, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten und der Erfahrungen schmerz- und palliativmedizinisch tätiger Ärzte Empfehlungen für verschiedene Indikationen in der Schmerzmedizin geben. Bisher konnten zwei PraxisLeitlinien ("Tumorschmerz" und "Tumorbedingte Durchbruchschmerzen") abgeschlossen werden, die PraxisLeitlinie "Gute Substitutionspraxis in Schmerz- und Palliativmedizin" ist in der Konsensphase, die PraxisLeitlinien zu "Kreuzschmerz" und "Kopfschmerz" in der Kommentierungsphase und die PraxisLeitlinien "Fibromyalgie" und "Spastik" werden gerade erstellt.
Der Deutsche Schmerz- und Palliativtag dauert noch bis zum 22. März. Mitveranstalter sind die Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga, die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Palliativversorgung und das Institut für Qualitätssicherung in Schmerztherapie und Palliativmedizin.

Pressestelle, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.
Geschäftsstelle, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V., Adenauerallee 18, 61440 Oberursel, Tel.: 06171 / 2860-0, Fax: 06171 / 2860-69, eMail: info@dgschmerztherapie.de
20.03.2014
22.06.2017, 11:21 | dre
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